Die Oberbürgermeisterwahlen in Halle (Saale) im Februar 2025
Eine kurze Auswertung mit Abbildungen
⚠️ Hinweis: Diese Abbildungen sind oft interaktiv und zeigen beim Darüberfahren mit der Maus / Finger weitere Informationen.
Wahlbeteiligung
Die Wahlbeteiligung bei der Oberbürgermeisterwahl war mit 47,5 Prozent so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr. Bei der Stichwahl am 23. Februar wartet der nächste Beteiligungsrekord. Aufgrund der zeitgleich stattfindenden Bundestagswahlen werden deutlich mehr Menschen auch bei der OB-Stichwahl teilnehmen als üblich. Typischerweise empfinden die Menschen Bundes- und Landtagswahlen als besonders wichtig und beteiligen sich häufiger. Kommunalwahlen, die seit 1994 zeitgleich mit Europawahlen stattfinden, stoßen auf weniger Resonanz. Oberbürgermeisterwahlen sind das Beteiligungsschlusslicht in Halle (und anderswo), wobei Stichwahlen nochmals weniger Menschen an die Urne locken.
Soziale Entmischung -> ungleiche Wahlbeteiligung
Der alleinige Blick auf die durchschnittliche Wahlbeteiligung verdeckt, dass die Wahlbereitschaft erheblich nach Stadtteilen variiert. Dies wird in der Abbildung auf den Punkt gebracht. Jedes Stadtviertel ist durch einen Punkt repräsentiert, der die dortige Wahlbeteiligung (bis BTW 2021 ohne Briefwahl) anzeigt (weitere Informationen durch mouseover). Bei der Oberbürgermeisterwahl 2025 war die Silberhöhe mit 20,9% Wahlbeteiligung wieder das Schlusslicht, Heide-Süd (mal wieder) der Spitzenreiter mit 71,2%.
Für die Oberbürgermeisterwahlen können wir die Wahlbeteiligung anhand der 126 Wahlbezirke noch kleinräumlicher betrachten. Den Negativrekord hält hier der Wahlbezirk 46002 - Gymnasium Südstadt in Böllberg/Wörmlitz. Beteiligungsstreber ist der Wahlbezirk 59301 - Grundschule Nietleben.
Die krassen Unterschiede in der Wahlbeteiligung sind Begleiterscheinung einer wachsenden räumlichen Trennung der Hallenser entlang von Bildung und Einkommen. Diese Segregation ist in Halle besonders stark ausgeprägt und manifestiert sich insbesondere in den Großwohnsiedlungen Neustadt, Silberhöhe oder Heide-Nord in Kontrast zu Heide-Süd, Kröllwitz oder Paulusviertel.
Die folgende Abbildung stellt die zeitliche Entwicklung der ungleichen Wahlbeteiligung dar. Je mehr die Wahlbeteiligung bestimmter Stadtteile nach oben (z. B. Heide-Süd) oder nach unten (z. B. Heide-Nord) ausschlägt, desto größer ist der Wert und damit die Ungleichheit.
Anmerkung: Die Abbildung zeigt die um die Bevölkerungsgröße der Stadtteile gewichtete Standardabweichung in der Wahlbeteiligung. Größere Werte bedeuten eine größere Ungleichheit in der Wahlbeteiligung.
Die Abbildung zeigt, dass die Unterschiede in der Wahlbeteiligung massiv zugenommen haben und sich seit 1994 praktisch vervierfacht haben. Die OB-Wahlen haben hier einen neuen Negativrekord aufgestellt. Die gewichtete Standardabweichung der Wahlbeteiligung beträgt etwa 21. Intuitiv entspricht dies einer Stadt, in der sich die Menschen in drei verschiedenen Stadtteilen einmal zu 20%, einmal zu 40% und einmal zu 60% an Wahlen beteiligen.
Wer war in welchen Stadtvierteln erfolgreich?
Die Kandidaten kamen in den Stadtvierteln unterschiedlich gut an und haben ihre eigenen Hochburgen. Vor allem Geiers, Godenraths und Wels’ Ergebnisse streuen über die Stadtviertel, Vogts’ Stadteilergebnisse sind etwas kompakter. In Halle Neustadt war Vogt überdurchschnittlich erfolgreich.
Die Stichwahl ist offen wie nie
Erstmals findet in Halle eine Oberbürgermeister-Stichwahl gleichzeitig mit der Bundestagswahl statt. Dadurch werden etwa 50 000 Wähler zusätzlich in die Wahllokale strömen und sich häufig auch an der OB-Stichwahl beteiligen. Hinzu kommen etwa 38 000 Wähler, deren Favoriten im ersten Wahlgang ausgeschieden sind. Den etwa 50 000 Wählern, die sich für Geier oder Vogt entschieden haben, stehen so fast 90 000 zusätzliche Unbekannte gegenüber.
Aus der Zusammenschau früherer Wahlergebnisse und der Oberbürgermeisterwahl können einige Spekulationen über die Stichwahl angestellt werden. Die Abbildung kreuzt die Stimmenanteile der Parteien bei der Europawahl 2024 mit der Wahlbeteiligung zur Oberbürgermeisterwahl in den 126 Wahlbezirken. Dort, wo die AfD zur Europawahl stark war (links oben), war die Wahlbeteiligung bei der OB-Wahl niedriger. Vermutlich sind viele AfD-Wähler zu Hause geblieben, da es kein AfD-Kandidat zur Oberbürgermeisterwahl antrat. Bei der Bundestagswahl können sie wiederum ihre Partei wählen und die zahlreichen zusätzlichen Wähler dürften auch einen Unterschied bei der Stichwahl machen. Dagegen scheinen Anhänger von CDU und SPD aber auch von den Grünen zur OB-Wahl besonders mobilisiert worden zu sein.
Kreuzen wir die Stimmenanteile der Parteien zur Europawahl und die Stimmenanteile der Oberbürgermeisterkandidaten erhalten wir einige Hinweise auf die Beliebtheit der Kandidaten unter verschiedenen Parteianhängern. Im Panel von Egbert Geier deutet sich an, dass er unter AfD-Wähler eher unbeliebt ist. Je stärker die AfD in einem Wahlbezirk 2024 war, desto weniger Stimmen hat Geier dort gesammelt. In einem Wahlbezirk der südlichen Neustadt erhielt die AfD 2024 beispielsweise über 52% der Stimmen, Geier zur OB-Wahl 2025 nur knapp 22%. Umgekehrt ist es im Paulusviertel: 5% AfD-Stimmen zur Europawahl stehen 56% Stimmen für Geier gegenüber. In Wahlbezirken, in denen Grüne, SPD, Linke oder Volt gut abschnitten, schnitt auch Geier beim ersten Wahlgang besser ab.
Im Panel von Alexander Vogt finden sich keine deutlichen Zusammenhänge zwischen seinem Stimmergebnis und der Stärke einzelner Parteien.
Verfasser: Prof. Dr. Christian Stecker | Homepage | Kontakt: christian.stecker@tu-darmstadt.de
Datenquellen: Die Daten wurden aus verschiedenen Quellen zusammengetragen und analysierbar gemacht. Ältere Daten stammen aus pdf-Tabellen. Trotz stichprobenartiger Prüfungen sind daher Fehler möglich (bitte gern an den Autor melden). Seit den 2024er Wahlen werden die Daten maschinenlesbar über eine Homepage des Wahlamtes zur Verfügung gestellt. Weitere Datenquellen sind u.a.:
- zu den letzten Wahlen die entsprechenden Webseiten, https://wahlergebnisse.halle.de/STW2024, https://wahlergebnisse.halle.de/EUW2024/
- Sonderveröffentlichungen der Stadt Halle (Saale) zu unterschiedlichen Wahlen (abrufbar in HAL-SIS)
- das Amtsblatt der Stadt Halle (Saale), hier abrufbar
- das open data portal der Stadt Halle (Saale)