Politisch bunt – und doch tief getrennt

Was die Hörerbefragung zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigt

Autor:in

Christian Stecker

Veröffentlichungsdatum

30. August 2026

Ergebnisse für das Publikum des Sachsen-Anhalt-Podcasts mit Stefan B. Westphal und Chris Luzio Schönburg

Unsere Befragung ist nicht repräsentativ. Sie ist also beispielsweise keine zuverlässige Schätzung, wie das Land wählen wird. Sie kann aber aufhellen, wie unterschiedlich politisch interessierte Hörerinnen und Hörer auf Parteien, Themen und demokratische Regeln blicken.

Keine Wahlumfrage, keine Hochrechnung. Teilgenommen hat, wer den Aufruf gesehen hatte und mitmachen wollte. Die offene Hörerstichprobe ist selbst ausgewählt, ungewichtet und vermutlich besonders politikinteressiert. Alle Aussagen auf dieser Seite beziehen sich deshalb nur auf die Teilnehmenden.

1.288Interviews begonnen
522technisch abgeschlossen
472Fälle ausgewertet

Die 472 Fälle der Hauptauswertung haben eingewilligt, mindestens die Hälfte des Fragebogens bearbeitet und – sofern sie die entsprechende Seite erreicht hatten – die Aufmerksamkeitsfrage korrekt beantwortet.

Eine ungewöhnlich gemischte Hörerschaft

Die größten Altersgruppen sind die 30- bis 44-Jährigen (38 %) und die 45- bis 59-Jährigen (32 %). 53 % der Teilnehmenden sind Männer, 45 % Frauen. Politisch ist die Hörerschaft noch auffälliger gemischt.

Horizontales Balkendiagramm der Landtagswahlabsicht in der Hörerstichprobe. Die Grünen liegen bei 24 Prozent, die AfD bei 18 Prozent; alle Kategorien summieren sich auf 100 Prozent.

Unter 424 gültigen Angaben zur Landtagswahlabsicht liegen die Grünen bei 24 %, die AfD bei 18 %. Linke und FDP erreichen jeweils 12 %. Diese Mischung ist interessant – und zugleich der beste Warnhinweis gegen jede Hochrechnung auf das Land.

Viel AfD, wenig Überraschung

Die Teilnehmenden rechnen mit einem klaren AfD-Vorsprung. Dabei unterscheiden sie erkennbar zwischen ihrem eigenen politischen Umfeld und dem erwarteten Ergebnis in Sachsen-Anhalt.

Punkt-Spannen-Diagramm der erwarteten Parteianteile. Die Medianprognose sieht die AfD bei 41 und die CDU bei 24 Prozent; die Skala reicht vollständig von 0 bis 100 Prozent.

Der Haken: Die Prognoseregler starteten genau bei 24/41/13/7/5/3/4/3 Prozent. Die Mediane entsprechen diesen Startwerten; 50 Fälle ließen alle acht Regler unverändert. Das kann politische Informiertheit spiegeln – oder einen Ankereffekt. Vermutlich steckt beides darin.

Umfragen messen den Wahlkampf nicht nur; sie werden selbst ein Teil davon. Unter den 364 substanziellen Antworten sagen 34 %, taktische Überlegungen spielten eine eher große oder sehr große Rolle. Für 19 % gilt „teils/teils“, für 47 % eher nicht oder gar nicht. Das zeigt Verbreitung, aber keine Ursache.

Politik als Mannschaftssport mit Tendenz zum Hooliganesken

Die eigene Partei bekommt fast überall die besten Noten. Besonders scharf verläuft die Grenze zwischen der AfD und den übrigen größeren Wählergruppen.

Heatmap der mittleren Parteienbewertungen von minus fünf bis plus fünf nach Wahlabsicht. Jede größere Gruppe bewertet die eigene Partei positiv; die schärfste wechselseitige Ablehnung besteht zwischen AfD und den übrigen Gruppen.

In der Gruppe der AfD-Wähler erreicht die Partei im Mittel 4,3 auf der Skala von −5 bis +5. Der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund liegt mit 4,5 sogar etwas darüber. Umgekehrt landet die AfD bei den anderen größeren Gruppen fast durchweg am unteren Skalenende.

Große Meinungsunterschiede bei vier Sachfragen

Bei Migration, Klimaschutz und Ukraine-Unterstützung sind die Wähler unterschiedlicher Parteien teils deutlich unterschiedlicher Meinung. Bei der Umverteilung verlaufen die Unterschiede ebenfalls klar, aber weniger ausschließlich entlang einer AfD-gegen-alle-Grenze.

Heatmap des Zustimmungsanteils zu vier Sachpositionen nach Wahlabsicht. Besonders große Gegensätze zeigen sich bei Migration, Klimaschutz und Ukraine-Unterstützung.

Die Grafik beschreibt Gruppenunterschiede innerhalb der Hörerstichprobe. Sie sagt nicht, wie häufig diese Positionen in der Bevölkerung Sachsen-Anhalts sind – und auch nicht, welche Einstellung welche Parteiwahl verursacht.

Einigkeit über die Idee, Streit über die Wirklichkeit

Mindestens 92 % in jeder gezeigten Wählergruppe bejahen die Demokratie als beste Staatsidee. Bei der Zufriedenheit mit ihrem gegenwärtigen Funktionieren reicht die Zustimmung dagegen von 5 % bis 76 %.

Dumbbell-Diagramm nach Wahlabsicht: Fast alle Gruppen bejahen Demokratie als beste Staatsidee, die Zufriedenheit mit ihrem Funktionieren unterscheidet sich jedoch stark.

Der Befund ist präziser als die pauschale Diagnose „demokratisch gegen undemokratisch“: Die Idee der Demokratie genießt breite Unterstützung. Gestritten wird darüber, ob das bestehende System diesem Versprechen gerecht wird.

Was denken die Wähler über Lücken in der Brandmauer?

„Zusammenarbeit mit der AfD“ kann unterschiedliches heißen. Über die jeweiligen Optionen sind die Wählergruppierungen unterschiedlicher Meinung.

Horizontales Punktdiagramm zu sechs Formen des Umgangs mit der AfD. Zustimmung reicht von 25 Prozent für die Tolerierung einer AfD-geführten Minderheitsregierung bis 59 Prozent für die Zustimmung zu passenden AfD-Anträgen.

51 % wollen gar keine Zusammenarbeit. Gleichzeitig stimmen 59 % der Möglichkeit zu, passende AfD-Anträge zu unterstützen. Eine Koalition grundsätzlich zu ermöglichen, befürworten 37 %. Wer nur nach „Brandmauer: ja oder nein?“ fragt, presst also mehrere Konflikte in eine Antwort.

Heatmap zu sechs Formen der Zusammenarbeit mit der AfD nach Wahlabsicht. Die AfD-Gruppe stimmt fast allen Kooperationsformen stark zu; bei den übrigen Gruppen hängt die Zustimmung deutlich von der konkreten Form ab.

Was denken die Wähler über weniger prominente Forderungen der AfD?

Fünf weniger prominente Forderungen aus dem AfD-Programm wurden den Befragten vorgelegt. Die Antworten fallen erheblich unterschiedlicher aus als die pauschalen Parteienbewertungen.

Horizontales Punktdiagramm zu fünf ohne Parteinennung vorgelegten Forderungen. Kostenlose Kita und Schulverpflegung erreichen mit 73 Prozent mit Abstand die höchste Zustimmung.

Kostenlose Kita und Schulverpflegung erreichen 73 % Zustimmung; niedrigere Hürden für Volksentscheide 48 %. Die übrigen drei Forderungen bleiben jeweils unter einem Drittel. Das spricht dafür, Inhalte und Parteietiketten analytisch auseinanderzuhalten. Es beweist nicht, dass dieselben Antworten unter offener Nennung der AfD unverändert geblieben wären.

Erneut sind die Antworten stark parteipolitisch strukturiert. Allerdings: Auch AfD-Wähler sehen einige Positionen ihrer präferierten Partei nicht nur positiv.

Heatmap der Zustimmung zu fünf weniger prominenten AfD-Forderungen nach Wahlabsicht. Kostenlose Kita und Schulverpflegung finden über mehrere Parteigruppen hinweg Zustimmung; die übrigen Forderungen polarisieren stärker.

Zwei Wahrnehmungen derselben Partei

Wir fragten außerdem, welche Einschränkungen die Befragten von einer AfD-geführten Landesregierung erwarten.

Horizontales Punktdiagramm dazu, welche Einschränkungen die Teilnehmenden einer AfD-Regierung zutrauen. Die Werte reichen von 62 Prozent bei freien Wahlen bis 91 Prozent beim Asylrecht.

91 % erwarten Einschränkungen beim Grundrecht auf Asyl, 75 % beim Minderheitenschutz und 71 % bei Meinungs- und Pressefreiheit. Das sind Wahrnehmungen und Erwartungen der Teilnehmenden – keine Prognose dessen, was eine künftige Regierung tatsächlich tun würde.

Bemerkenswert ist, dass die Wähler von AfD und Grünen praktisch völlig gegensätzlich auf eine mögliche Gefahr der AfD blicken.

Heatmap der erwarteten Einschränkungen durch eine AfD-Regierung nach Wahlabsicht. AfD- und Grünen-Gruppe bewerten die Gefahren für Wahlen, Pressefreiheit und Minderheitenschutz nahezu gegensätzlich.

Wie wurde ausgewertet?
  • Erhebung: offene, selbstrekrutierte Onlinebefragung; ungewichtet.
  • Datenstand: 27. August 2026, 07:55 Uhr – derselbe Stand wie bei der Podcast-Aufnahme.
  • Hauptauswertung: Einwilligung, mindestens 50 Prozent Bearbeitungsfortschritt und bestandene Aufmerksamkeitsfrage, sofern diese erreicht wurde.
  • Fallzahl: 472 Fälle; einzelne Grafiken haben wegen fehlender oder nicht substanzieller Antworten kleinere Nenner.
  • Gruppenvergleiche: nur Wahlabsichtsgruppen mit mindestens 30 Personen; veröffentlichte Zellen enthalten mindestens 10 substanzielle Antworten.
  • Prozentwerte: auf ganze Prozent gerundet; kleine Rundungsabweichungen sind möglich.
  • Grenzen: keine Repräsentativität, keine Gewichtung und keine kausalen Aussagen. Der vollständige interne Item-Atlas und wörtliche Freitexte sind nicht Bestandteil dieser öffentlichen Fassung.