Superwahlsonntag in Halle: AfD wird stärkste Kraft bei der Bundestagswahl und ihre Wähler tragen Alexander Vogt ins Rathaus
⚠️ Hinweis: Diese Abbildungen sind oft interaktiv und zeigen beim Darüberfahren mit der Maus / Finger weitere Informationen.
Rekord mit Konsequenzen: Wahlbeteiligung bei OB-Stichwahl so hoch wie noch nie
Mit 76,1 Prozent bliebt die Wahlbeteiligung zur Bundestagswahl knapp unter dem Spitzenwert von 1998. Im Schlepptau der Mobilisierung zur Bundestagswahl stieg jedoch die Beteiligung an der Stichwahl zwischen Alexander Vogt und Egbert Geier für das Amt des Oberbürgermeisters massiv. Dieser Sondereffekt hatte weitreichende Folgen für das Ergebnis.
Übrigens hätte man den Wahlbeteiligungs-Boost durch die Bundestagswahl auch nutzen können, um die Oberbürgermeisterwahlen in einem Durchgang durchzuführen. Das entsprechende Wahlsystem, das deutlich cleverer und fairer als die absolute Mehrheitswahl ist, heißt integrierte Stichwahl und ist hier für Halle erklärt.
Die Unterstützung der AfD-Wähler trägt Alexander Vogt ins Rathaus
Im ersten Wahlgang am 2.2.2025 war die Wahlbeteiligung in den Hochburgen der AfD besonders niedrig. Zahlreiche AfD-Anhänger blieben der Urne fern, da kein AfD-Kandidat zur Auswahl stand. Am 23.2. wuchs die Beteiligung in AfD-Hochburgen an der Oberbürgermeisterstichwahl dagegen überproportional wie die Abbildung zeigt. Sie kreuzt den AfD-Zweitstimmenanteil (x-Achse) mit dem Zuwachs der Wahlbeteiligung bei der Stichwahl im Vergleich zum ersten Wahlgang der OB-Wahl (y-Achse). Die Größe der Punkte gibt die Zahl der Wähler und damit den Einfluss auf das Wahlergebnis an. Je stärker die AfD zur Bundestagswahl in einem Wahlbezirk abschnitt, desto stärker wuchs auch die Wahlbeteiligung (dieser Trend wird durch die blaue Linie repräsentiert).
Der unterste linke Punkt zeigt beispielsweise, dass in der Lessing-Grundschule (Paulusviertel) 9,1 Prozentpunkte mehr Menschen zur Wahlurne strömten als beim ersten Wahlgang. 7,7 Prozent gaben hier ihre Zweitstimme der AfD. Der oberste blaue Punkt zeigt, dass in der Grundschule Frieden (Ammendorf/Beesen/Planena) die Wahlbeteiligung um ganze 27 Prozentpunkte stieg. Die AfD konnte hier 46 Prozent der Zweitstimmen einsammeln.
Das Bild des Sondereffekts vervollständigt sich, wenn man den Zusammenhang zwischen dem Stimmenanteil für die AfD und für Alexander Vogt bzw. Egbert Geier in den Blick nimmt. Dabei können zwar keine Briefwahlstimmen berücksichtigt werden (diese werden innerhalb von größeren Briefwahlbezirken gezählt), der kleinräumliche Fokus erlaubt aber dennoch einen robusten Schluß: Statistisch gewann Vogt für jeden Prozentpunkt, den die AfD bei der Bundestagswahl in einem Wahlbezirk einsammelte, etwa 0,9 Prozent hinzu. Bei Geier ist es umgekehrt. Vor allem die Neustadt und die Silberhöhe treiben diesen Zusammenhang. In der Grundschule Hanoier Straße in der Silberhöhe (der rechteste Punkt in beiden Abbildungen) gewinnt die AfD 53,7 Prozent der Zweitstimmen. Vogt fährt hier 69 Prozent der Stimmen ein, Geier 31 Prozent.
Diese Zusammenhänge werden für die sechs stärksten Parteien in den folgenden Abbildungen getrennt für Egbert Geier und Alexander Vogt dargestellt.
Ceterum Censeo: Soziale Entmischung -> ungleiche Wahlbeteiligung
Der alleinige Blick auf die durchschnittliche Wahlbeteiligung verdeckt, dass die Wahlbereitschaft erheblich nach Stadtteilen variiert. Dies wird in der Abbildung auf den Punkt gebracht. Jedes Stadtviertel ist durch einen Punkt repräsentiert, der die dortige Wahlbeteiligung (bis BTW 2021 ohne Briefwahl) anzeigt (weitere Informationen durch mouseover). Bei der Bundestagswahl 2025 war die Silberhöhe mit 53,8% Wahlbeteiligung wieder das Schlusslicht, Heide-Süd (mal wieder) der Spitzenreiter mit 90,1%.
Die krassen Unterschiede in der Wahlbeteiligung sind Begleiterscheinung einer wachsenden räumlichen Trennung der Hallenser entlang von Bildung und Einkommen. Diese Segregation ist in Halle besonders stark ausgeprägt und manifestiert sich insbesondere in den Großwohnsiedlungen Neustadt, Silberhöhe oder Heide-Nord in Kontrast zu Heide-Süd, Kröllwitz oder Paulusviertel.
Die folgende Abbildung stellt die zeitliche Entwicklung der ungleichen Wahlbeteiligung dar. Je mehr die Wahlbeteiligung bestimmter Stadtteile nach oben (z. B. Heide-Süd) oder nach unten (z. B. Heide-Nord) ausschlägt, desto größer ist der Wert und damit die Ungleichheit.
Anmerkung: Die Abbildung zeigt die um die Bevölkerungsgröße der Stadtteile gewichtete Standardabweichung in der Wahlbeteiligung. Größere Werte bedeuten eine größere Ungleichheit in der Wahlbeteiligung.
Die Abbildung zeigt, dass die Unterschiede in der Wahlbeteiligung massiv zugenommen haben und sich seit 1994 praktisch vervierfacht haben. Der erste Wahlgang der Oberbürgermeisterwahlen hatten einen neuen Negativrekord aufgestellt. Die gewichtete Standardabweichung der Wahlbeteiligung betrug etwa 21. Intuitiv entspricht dies einer Stadt, in der sich die Menschen in drei verschiedenen Stadtteilen einmal zu 20%, einmal zu 40% und einmal zu 60% an Wahlen beteiligen. Die gestiegenen Wahlbeteiligung zur Bundestagswahl 2025 hat den erfreulichen Nebeneffekt, dass die Unterschiede geringer ausfielen.
Verfasser: Prof. Dr. Christian Stecker | Homepage | Kontakt: christian.stecker@tu-darmstadt.de
Datenquellen: https://wahlergebnisse.halle.de